Verfasst von: WolfRevo | März 11, 2009

Aktuelle Berichterstattung über den Amok-Lauf in Winnenden

Mein offener Brief an das ZDF:

Sehr geehrte Zuschauerredaktion,

es ist jetzt 19:49 Uhr. Gerade eben liefen die heute-Nachrichten mit dem „Top-Thema“ Amoklauf in Winnenden. Bei diesem scheußlichen und absurden Amok-Lauf wurden 8 Jugendliche (eigentlich noch Kinder) und mehrere Erwachsene gewaltsam und absichtlich durch einen 17-jährigen jungen Mann getötet. Als wäre diese Tat nicht als solche schon schlimm genug, ist die Redaktion der heute-Nachrichten offensichtlich der Meinung, den Stereotypen des Amokläufers bereits nach weniger als 10 Stunden nach der Tat perfekt zu inszenieren. Anders kann ich die Berichterstattung als denkender Mensch nicht interpretieren.

Während die engagierte Mitgliedschaft im Tischtennisverein TTV Erdmannhausen fast schon beiläufig erwähnt wird, wird die Aussage eines direkten Nachbarn, welcher den Täter als Einzelgänger und „Angeber-Typ“ beschreibt, der mit dem Geld des Vaters angegeben habe, besonders hervorgehoben. Das ist eine subjektive Priorisierung, die in einer öffentlich-rechtlichen Berichterstattung nichts zu suchen hat. Desweiteren wird ein junger Mitschüler zitiert, welcher bereits von vorneherein seine Abneigung gegen den Täter klar zum Ausdruck bringt. „Diesem traut man das schon zu“ und „Killerspiele wie Counterstrike“ passen geradezu perfekt zum Stereotypen des Amokläufers, den die deutsche Medienlandschaft in den letzten Jahren geschaffen hat. Warum wurden nicht andere Mitschüler ebenso angesprochen und gezeigt? Warum ist diese Berichterstattung so einseitig? Ist dieser Stereotyp so einfach zu vermitteln, dass wir Zuschauer nicht mehr selbst über die Hintergründe dieser Tat nachdenken müssen/sollen/können?

Bei allem Respekt gegenüber den Opfern und deren Angehörigen, denen ich mein volles Beileid ausspreche, muss ich an dieser Stelle eine Differenzierung der Berichterstattung anmahnen. Für einen Sender wie das ZDF sollten wichtige Fakten nicht einfach in der Berichterstattung ausgelassen werden. Der Junge Mann (der Täter) kommt nach Informationen aus einer funktionierenden und gut betuchten Familie und hat eine Ausbildung abgeschlossen. Er wurde nicht der Schule verwiesen, sondern hat sie völlig regulär verlassen. Er war unauffällig wie viele andere Menschen auch, die keine Amokläufer waren/sind/werden. Er hat sich im Tischtennisverein TTV Erdmannhausen engangiert und hatte somit ständig sozialen Kontakt zu Menschen. Das passt so gar nicht zu der Einzelgänger-Aussage. Seine Horrorfilmsammlung und seine Computerspiele erinnern mich sehr an meine eigene Sammlung. Ich habe das Gefühl, ich passe perfekt zu dem Stereotyp des Amokläufers, den ich soeben in den heute-Nachrichten gesehen habe. Bin ich nun gefährdet oder bereits gefährlich?

Das ganze Bild des Täters unter Hinzunahme aller Informationen (z.B. warum flüchtet der Amokläufer? Alle mir bekannten Amokläufe endeten mit dem freiwilligen Selbstmord des Täters noch vor Ort, hier versucht der Täter sogar noch in Wendlingen während der Schießerei zu flüchten) passt so gar nicht zum Stereotypen, der uns so viele Jahre in den Medien serviert wurde. Wenigstens das wird ansatzweise in der Sondersendung im Anschluss an die heute-Sendung erwähnt. Aber ist das genug? Muss nicht gerade jetzt angefangen werden, differenzierte und unangenehme Fragen zu den wirklichen Hintergründen für die Tat zu stellen, auch wenn diese nicht zu dem heute etablierten Stereotyp des Amokläufers passen?

Gerade weil die Art der Berichterstattung niemals die Toten zurückholen kann oder den Betroffenen Trost spenden kann, sollte es im Sinne des ZDF sein, endlich anzufangen, sich mit dem Thema Amoklauf seriös und differenziert auseinander zu setzen. Nur wenn endlich die wahren Gründe für Amokläufe erkannt werden und diskutiert werden, gibt es überhaupt die Möglichkeit, konstruktive und wirksame Maßnahmen zu erkennen und anzuwenden. Verbote von Spielen/Filmen/Musik/Waffen/Alkohol/Tabak sind nur Maßnahmen gegen die Wirkungen, aber nicht gegen die Ursachen. Und die Diskussion muss endlich ursächlich werden. Hierfür wäre das ZDF als öffentlich-rechtlicher Sender mit einem hohen Eigenanspruch doch wirklich prädestiniert.

Mit freundlichen Grüßen


Antworten

  1. Von Amoklauf und Moorhühnern…

    Das Ganze ist mit Sicherheit eine erschreckende Sache, die dringend aufgearbeitet werden muss. Dennoch kann ich nicht verstehen, wie viel Publicity man einem solchen Täter in sämtlichen Medien zugesteht. Zwei Tage beherrschte dieses Thema nun sämtli…

  2. Guter Artikel, leider ein wenig lang. Ich habe mich auch bereits gestern über die berichterstattung aufgeregt, besonders was auf Bild.de abging war nicht mehr feierlich.

    Sind wir nicht alle ein bisschen Amok?

  3. Danke für den guten Beitrag.

  4. Auch als Atheist fällt mir zu diesem offenen Brief nur ein: Amen.

  5. Das übelste an der ganzen Sache mit dem ZDF ist doch, daß eben solche Beiträge über die GEZ finanziert werden. Und die muss man auch für einen internetfähigen PC bezahlen, auch wenn man diesen eigentlich nutzen will, um der öffentlich-rechtlichen Meinungsmache zu entkommen.

    Ansonsten Zustimmung, auch wenn ich gestehe das ZDF gestern gemieden zu haben.
    Werd ich mal von meinem Themenbeitrag her verlinken.

  6. [...] Update: Ebenfalls lesenswert zum Thema: von wolfrevo [...]

  7. [...] Auch interessant: Brief ans ZDF [...]

  8. Vielen Dank, der Meinung bin ich auch! Klischees passen nicht, auch wenn es ganz natürlich ist, dass der Mensch versucht die Dinge um sich herum in Schubladen zu stecken. Amokläufer heißt eben nicht immer = Außenseiter = Killerspiele. Viele Faktoren können da hinein spielen – und auch schon sehr erfolgreiche Menschen sind durchgedreht…Manchen Situationen kann man nicht mit dem Schubladenmuster beikommen!

  9. [...] Aktuelle Berichterstattung über den Amok-Lauf in Winnenden Fernab dessen müsse zudem geklärt werden, ob Tim K. Killer- und Gewaltspiele auf dem Computer [...]

  10. Den Brief an das ZDF stimme ich voll zu. Völlig daneben ist auch das Auftreten einiger Intellektueller Kreise, wie heute Morgen in SAT 1 Frühstücksfernsehen eine Schriftstellerin sämtliche Waffen verbieten wolle. So ein Quatsch, das ist genauso dumm, als würde man mit dem Verbot von Taschentüchern versuchen, die Erkältungskrankheiten auszurotten. Bei dem Amoklaus in Winnenden ist doch die Ursache da zu sehen, daß die Eltern gegen das Gesetz verstoßen haben und die Waffen nicht richtig verschlossen haben. Ein 17- jähriger darf an den Waffenschrankschlüssel der Eltern nicht ran.
    Hier sollten die Waffenbesitzer mehr durch die Behörde konntrolliert werden und nicht ganz Deutschland reglementiert werden. Wenn ich eine Waffe besitze, dann muß ich es mir auch gefallen lassen, daß unangekündigt die Kollegen vom Ordnungsamt vor der Tür stehen und die Aufbewahrung kontrollieren. Wer das nicht möchte bekommt keine Waffenbesitzkarte.
    Eine bestimmte Schattierung von Politikern meldet sich auch schon zu Wort. Mit Verboten und Reglementierungen sind die immer schnell. Wenn es darum geht eine vernünftige Finanzpolitik zu machen, da versagen sie alle. Im Ergebnis leben wir ja gerade.

  11. Stimme ebenfalls zu. Besonders erschütternd fand ich jedoch den Artikel auf Ard.de über vergangene Amokläufe und die Todeszahlen als wenn das ganze eine Highscoreliste wäre. Aber wenn ich als Computerspieler den Zusammenhang sehe, wird der Killerspieler-Horrorfilmgucker-Einzelgänger-Amokläufer das wohl auch schaffen. Na dann auf zum King of the Hill!

  12. Amen. Dieses Stereotyp vom geistig verwirrten bösen Massenmörder – Angebertyp usw. ist wirklich ausgetreten.
    Für mich ist der Tim (auch wenn diese Meinung unbeliebt ist) auch ein Opfer.

    Ich habe bei mir einen kleinen Aufruf geschrieben, der die Politiker endlich dazu bringen soll, auch der Schule entrinnen zu können, wenn man es nicht mehr aushält. Es muss doch nicht immer zum äussersten kommen.

    http://freiebildung.wordpress.com/2009/03/12/aktiv-gegen-amok/

  13. [...] seriöser Berichterstattung, die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, reihen sich in die reißerische Berichterstattung ein. Und Stern präsentiert ein Handyvideomitschnitt der letzten Sekunden von Tim [...]

  14. Hallo,

    es ist sehr angenehm zu lesen, dass sich noch mehr Menschen bei dieser Art der Berichterstattung an den Kopf langen.
    Besonders bezeichnend fand ich eine Sequenz die gestern in einem privaten Sender zu sehen war. Dort war ein Haus mit heruntergelassenen Rollläden zu sehen und die Reporterin berichtete, dass die Familie für einige Tage zu Verwandten gefahren sein, weil sie die psychische Belastung des Tatortes nicht mehr aushalte.
    Mit der Anwesenheit hunderter Medienvertreter hat das sicher nichts zu tun.

    mfg Niklas

  15. [...] Eloquenz: Aktuelle Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden [...]

  16. [...] Themen: – stefan-niggemeier.de – medien–gerecht – Aktuelle Berichterstattung über den Amok-Lauf in Winnenden – Berichterstattung über Winnenden – Winnenden – ekelhafte Berichterstattung Bookmarken [...]


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