Überlegungen sind notwendig, um Verständnis zu entwickeln.
Ich lese etwas von einem Menschen, der mir persönlich sehr wichtig ist.
Ich beginne, über das Gelesene nachzudenken.
Das Gelesene irritiert mich, widerspricht der eigenen Überzeugung und der eigenen Erfahrung.
Ich will es nicht glauben und es als Fantasie abtun.
Aber es geht nicht, denn es ist wahr. Dieses Paradoxon hat mich eben eine Menge Zeit in meiner Gedankenwelt gekostet. Es muss eine Lösung her, wie ich das Gelesene mit meinem Leben vereinbaren kann. Und so entwickel ich eine Hypothese. Es ist keine Theorie und es ist schon gar nicht bewiesen. Es verbleibt im Status der Hypothese und ich will es auch gar nicht beweisen.
Was ist der Kern dieser Hypothese?
a) In unserem Universum gibt es eine exakt definierte Menge an Energie und Materie, sie ist eineindeutig und wird durch ihre Eigenschaften beschrieben.
b) In unserem Universum gibt es mindestens zwei Wirklichkeiten oder Realitäten.
c) Jedes Objekt in unserem Universum (sei es ein Atom, eine Mikrobe, ein Mensch, ein Planet, ein Sonnensystem oder eine Galaxie) wird durch seine Eigenschaften beschrieben, die in einem Informationsfeld hinterlegt sind.
d) Durch die Wissenschaft sind wir in der Lage, einige dieser Informationen aus diesem Feld auszulesen und das Objekt damit für uns erklärbar zu machen.
e) Es gibt mindestens ein „Hidden Parameter“ in diesem Feld, daß wir nicht (und vielleicht auch nie) auslesen können.
f) Eines dieser „Hidden Parameter“ beschreibt, in welcher Wirklichkeit das Objekt in unserem Universum existiert.
g) Jede Wirklichkeit besitzt eigene Eigenschaften in Form von Gesetzen oder Regeln, die auf die Objekte wirken, die mit dieser Wirklichkeit verbunden sind.
Wie komme ich zu dieser Annahme?
Ich habe vorhin etwas von einer mir sehr wichtigen Freundin zum Thema Aberglaube gelesen.
Ich selbst bin nicht ein bisschen abergläubisch und ich habe auch noch nie eine Erfahrung gemacht, die sich in irgendeinen Aberglauben einordnen ließe. Sie hingegen ist abergläubisch. Und ihre Erfahrungen spiegeln sich in eben jenem Aberglauben. Ihre Erfahrungen sind für mich nicht nachvollziehbar, nicht zu verstehen, nicht einzuordnen. Sie existieren für mich nicht. Aber für sie sind sie real und geschehen. Das heißt: sie sind wahr, sie stimmen und es wirklich so passiert.
Die Erklärung liegt in der Hypothese: In ihrem Informationsfeld ist eine andere Wirklichkeit definiert, als in meiner. Dadurch treffen auf Sie andere Gesetze des Erlebbaren zu, als auf mich. Ich werde diese Erfahrungen nie haben können, da sie in meiner Wirklichkeit nicht exisitieren. Umgekehrt gibt es Erfahrungen, die sie nie haben kann, weil sie nur in meiner Wirklichkeit existieren.
Daraus entwickelt sich auch ein Problem: Gewisse Diskussionen sind nicht führbar, da wir mit Erfahrungen argumentieren, die für den anderen nicht existent sind. Und somit lassen sich diese Diskussionen nie sinnvoll auflösen. Ebenfalls wäre ein partnerschaftliches Zusammenleben unmöglich, da man gewisse Erfahrungen, die sehr wichtig für einen selbst sind, nicht teilen kann. Das geht soweit, daß man nicht mal bemerkt, wenn der andere eine bestimmte Erfahrung macht, die nur in seiner Wirklichkeit möglich ist.
Wieviele Wirklichkeiten existieren, kann diese Hypothese nicht postulieren. Sie geht von mindestens zwei Wirklichkeiten aus, aber es könnten auch mehr Wirklichkeiten existieren.
Einen interessanten Rückschluss läßt das auf die Partnersuche zu: man kann nur wirklich dann eine sinnvolle Partnerschaft führen, wenn bei beiden Partnern die gleiche Wirklichkeit zugrunde liegt.
Die Hypothese postuliert also: die Wirklichkeiten existieren im Universum und nicht in unseren Köpfen. Ein großer Unterschied zum meiner Ansicht zu diesem Thema, bevor ich darüber nachgedacht habe. Aber diese Hypothese läßt es nun für mich zu, ihre Erfahrungen als wirklich und wahrhaftig zu akzeptieren, auch wenn ich sie nie verstehen kann.
Klingt komisch, ist aber so. Belüg ich mich damit selbst? Keineswegs, da es nicht möglich ist, diese Hypothese zu beweisen, noch ihre Falsifizierung zu beweisen.